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25 Jahre begleiten  Loslassen – endlich leben

Sehr geehrte Frau Lukowitz, sehr geehrte und liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Haupt- und Ehrenamt, liebe Festgäste,

es ist mir Freude und Ehre, heute als Landesberatungsstelle und damit auch im Namen des Gesundheitsministeriums unseres Landes Glückwünsche zu Ihrem 25 jährigen Jubiläum auszusprechen.

In Vorbereitung auf diesen Tag stieg ich in den Keller unseres Büros und fand dort eine Akte mit der Aufschrift Wipperfürth. Das Durchblättern berührte mich tief, und dabei war es weniger der Inhalt, sondern viel mehr die Art des Schriftstückes, das mich bewegte: Auf der Schreibmaschine sorgsam getippt, die Anfrage mit der Bitte um Unterstützung klar und höflich formuliert, die Vision klar beschrieben, kleine Fehler mit Tipex liebevoll ausgebessert, von Hand ein persönlicher Gruß von Dr. Schaaf. Dieser Brief war irgendwie sein Programm: sorgsam, klar, liebevoll und höflich.

Und so ging es 1994 los in Wipperfürth vor nun schon 25 Jahren: 6 Menschen mit einer Vision, von der sie damals nicht ahnten, was daraus werden würde, gründeten eine Regionalgruppe der IGSL:  Dr. Alfred Schaaf +, Annegret Breidenbach-Ommer, Dr. Johannes. Weidlich + , Adalbert Tix + , Michael Kötter, Georg Schmidt.

6 Menschen, die keine Zögerer und Zauderer waren, ausgestattet mit Anfängergeist, die Situation schwerstkranker und sterbender Menschen zu verbessern, getragen von der Idee – ohne Finanzierung, ohne Strukturen, mit einer Haltung, die wir heute als hospizlich bezeichnen:  uneingeschränkte Wertschätzung und Respekt den Menschen gegenüber, Absichtslosigkeit im Handeln- manchmal auch bezeichnet als „einfach“ Dasein (das schwerste was wir Menschen vermutlich lernen müssen oder dürfen, Sensibilität Demut, Mitgefühl und Achtsamkeit – immer auch mit Blick auf  das Erkennen und anerkennen (eigener) Grenzen – unterstützt von anfangs 9 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen  und Mitarbeitern. Einige Namen sind mir noch vertraut:  Christiane Elf, Manuela Wilms, Mia Eder + , Hedwig Esser, Margitta Sieg + , Rosemarie Fürth +? , Karin Bungarts, Uschi Schroetter-Ackerschott, Heinz Ulrich Schmidt

Und so wuchs die Idee – und mit ihr die Strukturen und die Formalitäten : ein eigenes Büro, Förderung durch die Krankenkassen, Gründung eines eV, dann Erweiterung des Dienstes auf die Region Kürten.

Und immer wieder war es Dr. Schaaf und ein starker ehrenamtlicher Vorstand, die durch Engagement und Beharrlichkeit die anfangs zarte Idee stark machten, an ihr festhielten und erweiterten. Das Thema Trauer wurde fokussiert, ein Trauercafe eingerichtet und damit die Bedeutung und die Not der Angehörigen im Sterbe- und Trauerprozess sichtbar gemacht – so wie Mascha Kaleko es für mich wunderbar beschrieben hat:

Den eigenen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der Anderen muss man leben.

Und nicht nur sichtbar gemacht, es entstanden konkrete Angebote auch im Trauerbereich. Immer wieder Erweiterungen, Umzüge in neue Büros, Vereinbarungen – wachsend mit den Bedarfen und Anforderungen.

Heute steht das Team mit 2 Koordinatorinnen und 38 ehrenamtlichen MitarbeiterInnen für die zahlreichen Aufgaben bereit: Sterbe- und Trauerbegleitung, Beratung zu Palliativversorgung, zu Patientenverfügung und Vorsorgevollmachten, Schulungen für Mitarbeiterinnen in Pflegeeinrichtungen; Vorträge in Schulen, Vereinen, Gemeinden und in der Öffentlichkeit. Es ist eine Erfolgsgeschichte, die wir hier heute feiern dürfen.


Sie haben die Vision nicht verloren, sind mitgewachsen an der Idee, haben getreu ihrem Motto des heutigen Tages „Loslassen- endlich leben“ alte Strukturen losgelassen, wenn sie nicht mehr zielführend waren.

In einer Umfrage, die ich vor 2 Jahren durchführen durfte habe ich hauptamtliche Mitarbeiterinnen in der Hospiz- und Palliativarbeit und ehrenamtliche Vorstände befragt, wie lange sie diese Arbeit noch machen können.

Ermutigend war die Aussage: bis zur Rente und darüber hinaus. Das hat mich sehr gefreut. Besorgt hat mich die Antwort auf die Frage: was sind Gründe dafür, die Hospiz- und Palliativarbeit zu verlassen: Die höchste Nennung mit knapp 40% war: eine Änderung der Haltung im Team. Das Thema Haltung scheint gefährdet in unserem Arbeitsfeld unter dem zunehmenden Druck und den Erwartungen die wir erleben. Und ein weiterer Aspekt war der Einfluss des Themas auf die eigene Person und damit verbunden der Verlust von Leichtigkeit.

Und damit haben Sie mit dem Titel Ihrer Feier auch die aktuellen Themen der Hospiz- und Palliativarbeit, die Lebendigkeit, das Leben und die Freude betont.

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Suzuki zum Thema Anfängergeist: „Anfängergeist ist leer, frei von Verhaltensvorschriften und Routinen, offen gegenüber allen Möglichkeiten. Anfängergeist hat viele Möglichkeiten, der des Experten nur wenige“.
Shunryu Suzuki

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie auch festhalten: an dem Anfängergeist, der so wunderbares zu bewirken vermochte, an den Haltungen, die unsere Arbeit so wesentlich und unverwechselbar machen in dieser schnelllebigen und von Leistung geprägten Zeit.

Und das sie auch Loslassen, das war nicht zu ändern ist. Dann wird es möglich sein, die Kunst einer Sorgekultur fortzuführen, wie sie sie über nun 25 Jahre vorbildlich leben und damit Menschen in der letzten Lebensphase eine Letztverlässlichkeit anzubieten, die wir alle brauchen.
In dieser Haltung können wir endlich leben und die Sehnsucht aufgeben nun doch endlich anfangen wollen zu leben.

Martina Kern, ALPHA NRW